Pfingsten 1886 – Pfingsten 2016

130 Jahre Baptistengemeinde Wilhelmshaven

 

 

Die Geschichte unserer Gemeinde ist eng mit der Geschichte und der Entwicklung Wilhelmshavens verbunden. 1853 wird nach der Blockade der gesamten Nordseeküste durch Dänemark, der „Jade-Vertrag“ unterzeichnet: Das Großherzogtum Oldenburg tritt den südlichen Teil des Kirchspiels Heppens an Preußen zur Anlage eines Kriegshafens ab.

 

Tausende von Arbeitern bewegen von 1856 – 1869 etwa 1,5 Millionen Kubikmeter Erde ohne Maschinen, nur mit Spaten und Schubkarre! 1870 wird der Hafen geflutet und am 17. Juni 1869 ist Hochstimmung unter den 4.000 Bewohnern: König Wilhelm I. besucht die Stadt, die auf der Nordmole der heutigen zweiten Einfahrt seinen Namen bekommt: Wilhelmshaven.

 

Ab 1870 kommen fast täglich Menschen mit der Bahn und der Postkutsche in die aufstrebende Stadt: Die meisten sind Handwerker: Schiffszimmerleute, Tischler, Schlosser, dazu auch Techniker und Verwaltungsangestellte. In den folgenden Jahr-zehnten entwickelt sich die Werft zu einem Unternehmen, dass praktisch der gesamten Bevölkerung Arbeit und Lohn gibt.

 

Unter den Zugereisten befinden sich auch Baptisten. Es wurden für die Mitarbeiter der Werft feste Wohnhäuser gebaut. U.a. 344 Wohnungen in zwei- und dreistöckigen Häusern in der Flensburger- und Ostfriesenstraße. Allein in der Ostfriesenstraße (heute Bremer Straße) wohnten von 1880-1900 zwei Drittel aller Baptisten!

 

Bis zum Bau einer eigenen Kapelle versammeln sie sich in Privatwohnungen oder gemieteten Räumen. Zu Tauffesten fahren sie mit der Bahn zur Gemeinde Varel, zu der sie gehörten. Am 4. April 1886 äußern die Wilhelmshavener Baptisten den schriftlichen Wunsch zur Verselbstständigung der Gemeinde. Dazu erklären die Vareler:

 

„Wenn die Geschwister in Wilhelmshaven in Liebe verbunden, eine Gemeinde des Herrn Jesu werden wollen, und nach dem Worte Gottes ein Herz und eine Seele, dem Herrn dienen wollen, so wünscht die hiesige Gemeinde den Geschwistern zu ihrem Vorhaben des Herrn Jesu Segen.“

 

Einen Tag vor der Gründung werden die 67 Wilhelmshavener Geschwister aus der Gemeinde Varel entlassen. Pfingsten, am 14. Juni 1886 ist es soweit: Im Hause der Auguste Sahnwald (Ostfriesenstr. 30 – am Hindenburgtor) wird die „Baptistengemeinde Wilhelmshaven“ gegründet.

 

Und die Gemeinde besitzt den Mut ein eigenes Gotteshaus zu bauen. 1888 entsteht die Kapelle im damals modernen neugotischen Stil  mit 200 Sitzplätzen, (Parkplatz des heutigen Gorch-Fock-Haus an der Bremerstraße) dazu ein zweigeschossiges Haus mit Wohnungen für den Prediger und Kastellan.

 

Im Jahre 1892 widmet sich die Gemeinde wieder dem Anliegen eines eigenen Predigers. Mit Hilfe von Spenden von Gemeinden und Einzelpersonen aus ganz Deutschland wird Prediger Paul Winderlich aus Elmshorn im August 1892 in seinen Dienst eingeführt.

 

Ich mache einen zeitlichen Sprung:

 

Bei dem schwersten Luftangriff auf unsere Stadt am 15. Oktober 1944 wurde die Kapelle zerstört und war wie die gesamte Innenstadt, ein Trümmerfeld. In der ersten Gemeindeversammlung nach dem Krieg - am 5. August 1945 - beschließen die Geschwister eine neue  Kapelle zu bauen. Doch zunächst bezieht die Gemeinde im November 1945 eine Baracke, die hinter den Trümmern der alten Kapelle aufgestellt wird. Der damalige Prediger Hirche wirkt im großen Segen. Als er seinen Dienst im Jahre 1949 beendet, hat die Gemeinde ihren höchsten Mitgliederstand mit 242 Gliedern in ihrer Geschichte.

 

 

Mit Prediger Wieschollek werden ab 1952 die Vorbereitungen für den Bau der KREUZKIRCHE voran getrieben. Im Sommer und Herbst 1954 wurden von den Mitgliedern und ihren Kindern unermüdlich 40.000 Ziegelsteine aus den Trümmern der alten Kapelle rausgesucht, gereinigt und hierher gebracht. Am 22. Mai 1955 ist es dann soweit! Um 8:30 Uhr ist der Schlussgottesdienst in der Baracke, anschl. begeben sich alle durch den Park auf dem Parkmittelweg hier zur Schulstraße.

 

Lt. damaliger Festschrift singt die vor der Kirche versammelte Gemeinde:

 

„Tut mir auf die schöne Pforte, führt in Gottes Haus mich ein: ach wie wird an diesem Orte meine Seele fröhlich sein! Hier ist Gottes Angesicht, hier ist lauter Trost und Licht.“

 

Es klappte mit der Schlüsselübergabe; aber danach mit der Öffnung zuerst nicht, da der übereifrige Kastellan die Haupteingangstür von innen verschlossen und den Schlüssel stecken gelassen hatte.

 

Nach dem Krieg versammelten sich die ~ 50 Mitglieder, die in F-groden wohnen, zu eigenen Gottesdiensten. Im ehemaligen Bauernhaus an der Kniprodestraße wird ein Gottesdienstraum ausgebaut. Innerhalb kurzer Zeit bildet sich eine lebendige Stationsgemeinde. Durch Taufen und Zuzüge wächst die Station im Jahre 1950 zu ihrem Höchststand von 75 Gliedern an. Dann trifft die Gemeinde ein harter Schlag! Im Dezember 1959 kommt die Räumungsklage. Es wird eine Bürobaracke in F-groden gemietet und umgebaut; aber die Zahl der Gottesdienstbesucher ging am neuen Standort ständig zurück, sodass die Gottesdienste aufgegeben wurden. In Hauskreisen und Bibelstunden in den Häusern traf man sich noch bis 1977 und die verbliebenen Geschwister schließen sich der Gemeinde in der Stadt an.

 

Die neuere Gemeindegeschichte noch kurz zusammengefasst:

 

·        Im Oktober 1977 kam es zu einem Brandanschlag auf die Kreuzkirche. Die Wände wurden zur Zeit der RAF mit Parolen beschmiert und Feuer gelegt. Die Kanzel, die Kanzelbibel und der Abendmahlstisch verbrannten und das Abendmahlsgeschirr wurde entwendet. Da der Brand von alleine erlosch, wurden wir vor größeren Schäden bewahrt; aber das gesamte Gebäude war stark verräuchert und alles musste renoviert und neu gestrichen werden.

 

·        Anfang 1981 wurde auf unserem Kirchengrundstück von der Gemeinde ein Wohnhaus gebaut und von dem damaligen Pastor Holger Kelbert und seiner Familie bezogen.

 

·        September 1982 bis April 1983 wurde die Kapelle im großen Stil umgebaut, die unteren Räumlichkeiten durch Durchbrüche in den Wänden für Gemeindezwecke erweitert. Durch die Erneuerung der Treppe und die Umgestaltung des Eingangsbereiches durch einen Vorbau ergaben sich neue Möglichkeiten.

 

 

Bei den Jubiläumsfeiern zum 75. - 100. und 125. - Bestehen  kam immer wieder die Freude durch, dass unser HERR seine Gemeinde durch alle Höhen und Tiefen getragen hat. Unsere Vorväter und Mütter haben den Auftrag ihres HERRN ausgeführt und ob Erfolg zu sehen war, oder nicht, sie hielten an ihrer Berufung fest.

 

Vor Enttäuschungen blieben sie und wir nicht bewahrt. Doch Gott hat es verstanden, auch mit den Schwächen seiner Nachfolger in Wilhelmshaven zu arbeiten. Immer wieder fanden Menschen zum Glauben an Jesus Christus und in seine Nachfolge. Er ist treu und so wollen wir mit seiner Hilfe den Missionsauftrag - jeder mit seinen Gaben – gegenüber unseren Mitmenschen weiter erfüllen.

 

Hans-Edgar Schmidtmann - Im Mai 2016

 

Auszüge aus der Jubiläumsschrift:

 

„100 Jahre Baptistengemeinde Wilhelmshaven“ von Holger Kelbert.