Angedacht Juni 2017

 

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Apg 5,29

Zuerst erschrecke ich. Dieser Satz könnte auch ein Slogan sein für religiöse, vielleicht auch für „christliche“ Terroristen. Wenn man dieses Wort für sich allein genommen liest, ohne Zusammenhang, könnte man alles Mögliche damit rechtfertigen. Und sicherlich wurde ein biblisches Wort wie dieses im Laufe der Geschichte auch für manche Unmenschlichkeit missbraucht. Andererseits enthält dieses „Gott mehr gehorchen als den Menschen“ auch großes Veränderungs- und Trotzpotential, z.B. wenn man sich aufgrund seines Glaubens weigert, bestimmte Dinge zu tun, die andere von einem verlangen, die aber im Widerspruch zur eigenen Überzeugung stehen. Unser Gewissen ist zuerst und vor allem an Gott gebunden, und von daher können wir „nein“ sagen oder „ja“, auch wenn wir in unserer Umgebung damit auf Unverständnis stoßen. In diesem Bibelwort finden wir eine zutiefst biblische Begründung für die Glaubens- und Gewissensfreiheit, für die wir als Baptisten besonders einstehen. Unsere Mütter und Väter im Glauben haben manche Schikane auf sich genommen, weil sie den Weg der Staatskirchen in Deutschland nicht mitgegangen sind, sondern Glaube und Kirche anders leben wollten in der Gesellschaft. Ja, mit diesem Wort im Rü- cken können wir neu und revolutionär denken und handeln. Und wir geben auch anderen den Raum, ihre Überzeugung, ihren Glauben zu leben, je nachdem, wie ihr Gewissen sie bindet. Wir werden davor bewahrt bleiben, zu religiösen Idealisten mit Gewaltpotential zu werden, wenn wir den Ruf zur absoluten Loyalität Gott gegenüber zusammen mit dem Liebesgebot Jesu hö- ren und leben. „Gott mehr gehorchen“ – darin steckt so viel Kraft, Geist und Kreativität, wenn wir es mit der Liebe zusammenbinden. Darum kann kein Mensch für sich alleine Gott hören, sondern wir hören gemeinsam, korrigieren einander und bewahren uns gegenseitig vor ideologischen Irrwegen. Im gemeinsamen Suchen nach Gottes Willen ermutigen wir einander, Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, immer wieder neue Wege zu wagen und Gottes Liebe und Gerechtigkeit zu leben, aller Trägheit und allem menschlichen Misstrauen und Widerspruch zum Trotz!

Prof. Dr. Michael Kißkalt (Rektor der Theologischen Hochschule Elstal)

Angedacht April 2017

Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Lukas 24,5–6 In meinem Leben finde ich Jesus Die Frauen gehen zum Grab. Sie wollen den Toten ehren. Die Männer haben sich ängstlich zurückgezogen, diese Totenehrung ist gefährlich. Jesus ist nicht im Grab, der Auftrag für die Frauen ist deutlich, der Herr ist auferstanden. Sagt das den Jüngern. Aber die Jünger glauben es nicht. Alle Evangelisten erzählen das so. Es ist unbegreiflich, was die Frauen da sagen – Christus ist auferstanden. Lukas gibt in seiner bildhaften Sprache eine Erklärung für Auferstehung, für das Ostergeschehen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Ja, damit kann ich umgehen, damit kann ich leben, mich auf den Weg machen, nicht auf den Friedhof, sondern ins Leben werde ich geschickt. Wer Jesus finden will, muss ihn im Leben suchen. Und diese Begegnung ist vielfältig und ganz individuell. Da gehen Männer nach Emmaus, von Jesus begleitet, erkennen ihn aber nicht, erspüren ihn dennoch. Brannte nicht in uns das Herz, als er mit uns redete? In alltäglichen Erinnerungen an den Lebenden vollzieht sich die Begegnung. Ja, es bleiben Fragen offen. Die Auferstehung bleibt ein Mysterium. Aber sie bleibt nicht im Grabesdunkel und der Angst stecken. Ostern feiern wir das Leben. Und mitten im Leben, in meinem Leben, finde ich Jesus. Vielleicht ist das die wichtigste Rolle, die Frauen spielen, sie sind pragmatisch, machen, was nötig ist, spüren dem Leben nach und finden dabei Jesus. Für die Männer hilft Lukas nach: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Die Richtung ist klar, geht aus eurer Angst zurück ins Leben, Jesus findet euch dort.

Carmen Jäger 

Angedacht März 2017

Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR.

Levitikus 19,32

 

Das Alter öffnet den Horizont

Launisch berichtet die kleine Lisa: „Oma und Opa sitzen einfach nur stumm auf dem Sofa und machen überhaupt nichts!“ Die Mutter fragt besorgt nach: „Gar nichts?“ Lisa: „Ja, sie gucken kein Fernsehen, hören kein Radio, lesen nichts!“

Die kleine Lisa scheint sich bei ihren Großeltern gelangweilt zu haben. Alte Menschen haben andere Bedürfnisse als junge. Das macht das Zusammenleben manchmal mühsam. Aber sie haben oft einen Schatz an Lebenserfahrung und Weisheit, der Jüngeren den Horizont öffnen kann.

Ich habe viel Gelassenheit von ihnen gelernt. Wenn sie „von früher“ erzählen, bekomme ich ein Gespür dafür, in was für einem reichen Land ich lebe. Und dass Zufriedenheit und gute Beziehungen wichtiger sind als alles Geld der Welt. Auch dass sich manches mit Geduld „zurechtruckelt“, was einem momentan großes Kopfzerbrechen macht.

Andererseits scheint manchem Alten diese Gelassenheit zu fehlen. Am ungeduldigsten ist in der Apotheke ausgerechnet der 70-jährige Rentner. Und manche Alten entwickeln sich zum „Wutbürger“. Heinrich Giesen hat einmal gesagt: „Altwerden ist ein Geschick, das vielen widerfährt. Aber es ist ein großes Geschenk, dabei dankbar zu bleiben.“

Können die Jüngeren den Älteren dabei helfen? Die Mutter könnte die kleine Lisa wieder zu den Großeltern schicken: „Schaut euch doch ein Fotoalbum an. Und dann frag Opa mal: Wie kommt es, dass du auf alten Bildern immer jung aussiehst?“

Reinhard Ellsel

   

Angedacht für Dezember 2016

 

Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen. (Ps 130,6)

 

Wohl jeder kennt sie, schlaflos durchwachte Nächte. Gedanken kreisen, die Seele findet keine Ruhe. Nöte und Ängste werden mit jeder Stunde größer und bedrohlicher. In der Dunkelheit der Nacht scheinen sie schier unüberwindbar. Ein Ausweg ist nicht in Sicht, an Schlaf ist nicht zu denken. An dieser Stelle lohnt es sich den gesamten Psalm 130 anzuschauen, den Luther als 6. Bußpsalm bezeichnet hat. Aus der Tiefe ruft der Beter zu Gott (V.1). Er ist in größter Not. Aus dem Abgrund menschlichen Leids schreit der Beter zu Jahwe, seinem Gott. Vergebung ist nötig und Gott ist der Einzige, der ihm noch helfen kann. Mit seinem ganzen Sein hofft und harrt er auf den HERRN und seine rettenden Worte (V.5 -6). Der Morgen steht als Symbol für den Neubeginn. Der Morgen mit der aufgehenden Sonne steht im Kontrast zur Nacht mit ihrer Dunkelheit. Die Wächter über der Stadt haben diesen neuen Morgen herbeigesehnt. Der Morgen bedeutete für sie das Ende ihrer Arbeitsschicht, aber vor allem war dann die Zeit der größten Gefahren und Bedrohungen für ihre Stadt wieder vor- über. Und so wie die Wächter auf der Stadtmauer nicht enttäuscht werden, weil Gott die Sonne wieder aufgehen lässt, so ist es auch die Zuversicht des Psalmbeters, dass Gott sich ihm wieder gnadenvoll zuwenden und ihn über kurz oder lang aus seiner tiefen Not erretten wird. An der wiederkehrenden Erfahrung der Nachtwächter, dass die Sonne jeden Morgen wieder neu aufgeht, macht der Beter seine Hoffnung fest, dass Gott sich ihm wieder neu zuwenden wird. Dies gilt für Menschen, die wie der Psalmbeter aus der Tiefe ihres Lebens zu Gott rufen. Und gleichermaßen gilt dies auch für unsere Verfehlungen, die kleineren und größeren Sorgen, Nöte und Ängste, die uns den Schlaf rauben. Die Schrecken der Nacht verlieren im Morgengrauen des anbrechenden Tages ihre Bedrohlichkeit. Und unsere Zuversicht ist es,

Stefanie Desamours , Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Mission und Diakonie und Sachbearbeiterin für Katastrophenhilfe im Dienstbereich Mission.

Angedacht: September:

 

Gott spricht: „Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“ (Jer 31,3 nach der Lutherübersetzung)

Eine wunderbare Liebeserklärung Gottes – allerdings nicht direkt an uns, die wir als Christen heute dieses Wort lesen, sondern zunächst an das jüdische Volk. In einer Liebe, die nur in Gott selbst begründet ist, hat Gott dieses Volk ausgesucht und sich mit ihm vermählt wie ein Bräutigam mit seiner Braut. Das Volk hat Gottes Liebe aber nicht auf Dauer erwidert, sondern ist ihm untreu geworden – indem es anderen Göttern diente und die Weisungen Gottes missachtete. Diese Untreue war ein Scheidungsgrund, und Gott hat Israel entlassen. Als Folge davon wurde das Heilige Land von Feinden erobert, die Stadt Jerusalem zerstört, der Tempel Gottes verbrannt und die Führungsschicht des Volkes umgesiedelt. Da wurde dem Volk klar, was es getan hatte, und es bereute seine Untreue. Aber was würde nun Gott tun? Wäre er bereit, sein Volk wieder anzunehmen? In dieser Lage las das Volk Worte, von denen es gewiss wurde, dass Gott sie schon vor Beginn alles Unheils dem Propheten Jeremia übergeben hatte: „Ich habe dich je und je geliebt“. Ich habe dich immer geliebt, auch damals, als Du mir untreu geworden warst und mich verlassen hast. Deine Liebe zu mir war zwar erloschen, aber meine Liebe zu Dir nicht. Darum ist Gott bereit, seine Braut, die fremdgegangen ist, wieder aufzunehmen und die Liebesgeschichte mit ihr fortzusetzen. Weil er sein Volk mit ewiger Liebe geliebt hat, darum hat er ihm auch seine Güte bewahrt (so unser Vers in der Elberfelder Übersetzung). Die Luther- übersetzung sagt: Gott hat das Volk aus Güte zu sich gezogen. Das Volk, das ihn verstoßen hatte, das hat er lieb behalten und hat es wieder in die Arme genommen, als es umkehrte. Einen solchen Gott bezeugt uns die Bibel: Einen Gott, der nicht nur Israel, sondern auch uns liebbehält, selbst wenn wir ihn enttäuscht haben. Er wartet auf uns mit offenen Armen.

Prof. Dr. Uwe Swarat Der Auto ist Dozent an der Theologischen Hochschule Elstal. 

Angedacht (Juli/August)

 

„Der Herr gab (Mose) zur Antwort: Ich will meine ganze Schönheit an dir vorüberziehen lassen und den Namen des Herrn vor dir ausrufen: Ich gewähre Gnade, wem ich will, und ich schenke Erbarmen, wem ich will.“

 

Mose hatte einen schweren Auftrag von Gott bekommen

(ausführlich nachzulesen in 2. Mose 32-34). Er sollte das halsstarrige Volk Israel aus Ägypten aus der Sklaverei heraus nach Kanaan leiten – ein Land, in dem es frei und in guter Existenz würde leben können.

Während Mose 40 Tage auf dem Berg Sinai abwesend ist und die Gesetzestafeln von Gott erhält, erträgt das Volk es nicht, ohne seinen Anführer zu sein und macht sich aus Gold einen Ersatzgott, den sie umtanzen und anbeten. Sein Bruder Aaron leitet sie dabei auch noch an. Mose kommt vom Sinai herunter und trifft das Volk mitten im Bundesbruch an – und zerbricht voller Zorn und Trauer die Gesetzestafeln, denn er geht davon aus, dass der Bund von Gottes Seite her nun auch hinfällig ist. Gott will nicht mehr in der Mitte des Volkes mitziehen. Trotzdem ruft Mose das Volk zur Buße auf und tritt mit Gott in Verhandlungen. Von Freund zu Freund bittet er für das Volk, dass Gott es verschont und am Leben lässt und sich selbst treu bleibt und weiter persönlich mit dem Volk mitzieht, nicht nur ersatzweise ein Engel Gottes. Für sich selber braucht Mose Gottes sichtbare Gegenwart als Zeichen, das Gott mit ihnen ist. Sonst weiß er nicht, woher er die Zuversicht nehmen soll, das Volk weiter zu führen. Und darüber hinaus bittet er für sich persönlich um eine Gottesbegegnung. Er möchte Gott sehen, er braucht ihn. Und Gott gewährt ihm diese Bitte um Offenbarung. Er stellt sich vor – fast wie bei der Berufung des Mose. Damals hieß die Selbstvorstellung Gottes:  „JAHWE – Ich bin, der ich bin; ich bin, der ich sein werde!“

Souverän und nicht greifbar für den Menschen. Gott vertraut Mose seinen Namen, sein Wesen an. Und er kennt Mose bei Namen. Die beiden haben sich erkannt. Jetzt stellt er sich als der Gnädige vor. Der, der Leben schützt trotz aller Sünde. Der, der begnadigt, weil er seiner Liebe treu bleibt. Der, der doch wieder persönlich in der Mitte seines Volkes mitzieht, weil seine Menschen ihn brauchen, um sich geborgen zu fühlen und ihren Lebensweg zu finden. Mose darf Gottes Angesicht nicht direkt sehen. Dieser Begriff steht hier für Gottes Gegenwart. Gott selbst schützt Mose vor seinem direkten Angesicht, während er an Mose vorbeigeht. Aber Mose darf ihn von hinten sehen. 

Von hinten. Oft sind wir erst im Nachhinein fähig, Gottes Handeln in unserm Leben gütig zu nennen, ihn (wieder) zu lieben. Seine Führungen verstehen und begreifen wir oft erst im Nachhinein. Während wir darinstehen, können wir nur beten, dass er uns nicht über unsere Kraft versucht und uns vor Schuld bewahrt. 

Von vorne. Vertrauen – Gottvertrauen -  hilft, von vornherein auf guten Wegen zu bleiben. Suche die Schönheit Gottes in den Dingen, die dir begegnen.  Pflege eine innere Haltung, die Gottes Herzensgroßzügigkeit entspricht. Lebe Erbarmen und Gnade anderen gegenüber - wie es Gott mit dir tut. 

Ein Monat, ein Urlaub, ein Sommer voller Schönheit, Gnade und

Erbarmen, sowohl gebend als auch nehmend – wäre das nicht etwas Feines?

Geöffnete Herzen und Sinne dafür wünscht 

 

 Ihre/ Deine Pastorin Ute Eberbach 

Angedacht; Juni 2016

Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter geworden. 2. Mose 15,2

Was für ein Lied! Es klingt nach Weite und Befreiung, nach Vertrauen und neuer Zuversicht. Es klingt nach einer guten und sehr persönlichen Erfahrung: meine Stärke – mein Lied – Retter für mich. Es ist ein besonderes Lied, kein Lied für alle Tage. Noch nicht. Den Hintergrund des Liedes bildet die Erfahrung eines ganzen Volkes: „Damals sang Mose mit den Israeliten dem Herrn dieses Lied; sie sagten: Ich singe dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben. Rosse und Wagen warf er ins Meer. Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter geworden. Er ist mein Gott, ihn will ich preisen; den Gott meines Vaters will ich rühmen.“ Rosse und Wagen warf er ins Meer. Ist das eine Situation in der ein Lied angestimmt werden kann? Darf man sich darüber freuen? Was genau wird hier besungen? Hier erklingt kein Siegeslied. Kein lautes Geschrei der Sieger, die sich am Tod der Verlierer erfreuen. Hier singt keine siegreiche Armee starker Männer. Hier singen Familien. Kinder, alte Menschen, Väter, Mütter, Schwestern, Brüder, Großeltern und Enkel. Menschen, die hart gearbeitet haben, die manchmal gerade eben noch überlebt haben und jetzt in diesem Moment ihren Unterdrückern entkommen sind. Hier singen die befreiten Opfer. Ein Chor ehemaliger Sklaven. In den Zwischentönen ihres Liedes klingt noch die Verzweiflung der bitteren Jahre nach, die der Rettung vorausgegangen sind. Leid, Bedrängnis, Angst, Schmerzen, schwere Arbeit, Ungerechtigkeiten – all das klingt noch mit. Aber nun gehört es der Vergangenheit an. Sie sind frei, befreit worden. Jetzt beginnt etwas Neues. Und die ersten Schritte in Freiheit sind noch sehr unsicher. Doch der Gott, der mit starker Hand befreit hat, geht mit. Daher kann jede einzelne Person im Volk singen: Meine Stärke. Die erlebte Befreiung in der Vergangenheit gibt Sicherheit im Hier und Jetzt. Die 3 neu gewonnene Freiheit lässt den Atem weit werden und die Stimme wieder klingen und singen: Mein Lied. Die Erfahrung der Rettung bleibt und wird die Israeliten stärken. Die erlebte Befreiung in der Vergangenheit wird zur Hoffnung auf eine Zukunft in Freiheit und die Gegenwart wird als ein neu geweiteter Raum erlebt. Ein weiter Raum, in dem Gott gegenwärtig ist als bleibender Retter. Das hilft gegen die Angst vor der ungewissen Zukunft: Mein Retter. Der Chor der befreiten Sklaven singt: Meine Stärke, mein Lied, mein Retter. Dieses Lied, in einer besonderen Situation angestimmt, bleibt. Wird immer wieder gesungen. Zur Erinnerung an den Gott, der kompromisslos auf der Seite der Opfer steht. Es ist nicht das Lied der Sieger – es ist das Lied der befreiten Opfer. Es ist das Lied von dem Gott, der befreit hat und befreien wird. Wenn wir es heute singen, klingt auch das Lied von dem Gott mit, der sich selbst zu Opfer gemacht hat, um alle Menschen zu befreien. Klingt das Lied von dem Gott mit, der auch heute noch solidarisch an der Seite der Opfer steht. Das Lied von dem Gott, der befreit hat und befreien wird. Es ist ein persönliches Lied, aber auch ein Lied des Volkes, also durchaus politisch, wenn es um die Befreiung aus ungerechten Strukturen und Verhältnissen geht. Es bleibt ein besonderes Lied, aber jetzt ist es auch ein Lied für alle Tage. Besonders für die engen, angstvollen Tage, denn es erinnert an die Weite. Besonders für die leichten, gelassenen Tage, denn es erinnert daran, dass diese ein Geschenk sind. Besonders für die schwachen Tage, denn es erinnert daran, dass die Stärke nicht aus uns kommt. Besonders für die guten Tage, denn es erinnert an den, dem wir sie verdanken: Meine Stärke - mein Lied - Retter für mich.

Prof. Dr. Andrea Klimt

Gedanken zum Mai 2016

Angedacht: Gott kann! 

 

Kann Gott denn wirklich? So oft hat er doch nicht gehandelt. Vielleicht ist es ja einfacher, zu sagen, dass Gott nicht kann, als dass er es nicht tut – denn dann muss ich mir nicht überlegen, warum er nicht handelt. Warum er auch nicht durch mich handelt. Kann er überhaupt durch mich handeln? Wenn er in mir handeln darf, dann kann er durch mich handeln. Denn das, was in mir lebt, dass dringt nach außen. Das nehmen andere wahr. „Wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über.“ „Ihr seid der lebendige Brief Jesus Christi“. Wir werden von den Menschen, die uns begegnen, gelesen wie ein Brief – ob es uns nun gefällt oder nicht. Nun ist die Frage, ob wir über unser Leben den Absender „Jesus Christus“ setzen möchten oder welchen sonst. Gelesen werden wir auf jeden Fall! Mit dem Gleichnis vom Weinstock und den Reben (Johannes 15) zeichnet Jesus ein Bild, dass die gegenseitige Verbundenheit, das gegenseitige Ineinander von Jesus und jedem seiner Gläubigen veranschaulicht.  Wenn du das zulässt, dann werden die Menschen in dir Jesus entdecken. Dann wird dein Leben deine persönliche Auslegung von Jesus, und du trägst Jesus sozusagen maßgeschneidert auf deiner Haut. Und was bezeugst du?  Du bezeugst diese wunderschöne und tiefe Beziehung, die du und Jesus miteinander leben. John Eldrige betet: „Lebe du in mir, damit ich in dir leben kann, Herr!“  Der Monatsspruch aus 1. Kor. 6,19 gibt uns dazu mit auf den Weg: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst.“  

 

Mit diesen Gedanken grüßt euch Ihre/ Deine Pastorin

Ute Eberbach 

Gedanken zum Monatsspruch April 2016

 1. Petrus 2,9 „Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.“ Liebe Gemeinde, Was für eine Aussage! Was für eine Zusage! Petrus, einer der 12 Apostel, richtet sich hier an Menschen, die aus dem Heidentum heraus an Christus gläubig wurden. Sie hatten vorher einen anderen Lebenskontext und eine andere weltanschauliche Grundlage. Sie kennen andere Wege als nur den christlichen, Leben zu gestalten und zu genießen. Der Monatsspruch ist gewissermaßen der leuchtende Gipfelpunkt einer leidenschaftlichen Anrede von Petrus an die im damaligen Kleinasien (die heutige Türkei) verstreuten und verfolgten frisch gläubig gewordenen Christen. Zwei Eckpfeiler gibt Petrus den jungen Christen auf den Weg. Der erste: „Christus hat uns in seinem großen Erbarmen neu geboren, damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben“, heißt es in Vers 3. Durch Christus hat also jeder dieser Menschen eine neue Hoffnung, ein Ziel! Das ist die Verheißung, die Gabe Gottes an seine Gläubigen. Der zweite Eckpfeiler ist die Berufung, die zugleich jeder Christ erfährt und die auch unseren Auftrag unausweichlich in sich enthält: Die Berufung als Volk Gottes, als das Eigentum Jesus Christi, weil er die Mitte unserer Existenz und das Licht unserer Seele geworden ist. Die Berufung, die Wohltaten jedermann zu verkündigen, die Christus uns getan hat. Denn jetzt leben wir nicht mehr in der Finsternis, sondern in dem lebensspenden Licht, das von Jesus ausgeht. Jesus sagt: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8.12). Ein lohnendes Angebot!

Das Licht Jesu in diesem Monat zu erfahren, das wünscht Ihnen Ihre/ Deine Pastorin Ute Eberbach

Gedanken für den Monat März zum Thema Weinstock

Jesus Christus spricht: Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! (Joh 15,9)

 

 

Als Teil der Weinstockrede Jesu gehört dieser Vers in den Kontext der Abschiedsreden Jesu an seine Jünger. Darin bereitet er seine

Nachfolger auf die Zeit vor, in der er nicht mehr leiblich gegenwärtig ist. In den vorausgehenden Versen wählt Jesus einen bildlichen Vergleich, um deutlich zu machen, wie wichtig es ist, dass seine Jünger in ihm bleiben. Nur eine Rebe, die fest mit dem Weinstock verbunden ist, bringt Frucht (V.4-5) und verherrlicht dadurch den Vater (V.8).

 

Ohne Zweifel ist die Bildrede vom wahren Weinstock von ermahnenden Elementen geprägt. Die Beschreibung dessen, was mit den fruchtlosen Reben geschieht, ist sehr eindrücklich (15,6). Und mehrfach fordert Jesus seine Jünger ganz direkt auf: „Bleibt in mir“ (V.4); „Bleibt in meiner Liebe“ (V.9); „Dies gebiete ich euch, dass ihr einander liebt“ (V.17).

 

Die Zielrichtung dieser Rede Jesu liegt aber nicht allein in der Ermahnung. Jesus erinnert seine Jünger ebenso deutlich daran, wie sehr er sie liebt: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt.“ Die Liebe zwischen Gott und seinem Sohn ist das Maß der Liebe, mit dem sich Jesu Jünger damals und heute geliebt wissen dürfen. Diese Liebe Jesu ist mit seinem leiblichen Scheiden aus dieser Welt keine Vergangenheit. Sie ist nicht abgeschlossen, wie man aufgrund der Vergangenheitsform „ich habe euch geliebt“ in deutschen Bibelübersetzungen annehmen könnte. Im Griechischen kann und will der Evangelist Johannes durch eine bestimmte Vergangenheitsform genau das Gegenteil ausdrücken: Sowohl die Liebe Gottes zu Jesus als auch die Liebe Jesu zu seinen Jüngern damals und heute ist eine bleibende Wirklichkeit.

 

Mit der Erinnerung daran, dass Jesu Liebe bleibt, dass sie wirklich und real ist, auch wenn er zurückkehrt in die Ewigkeit zum Vater – mit dieser Erinnerung tröstet Jesus seine Jünger kurz vor seinem Tod am Kreuz im Blick auf den Schmerz und die Trauer, die ihnen bevorstehen. Und ebenso dürfen wir uns als Nachfolgerinnen und Nachfolger Christi heute von ihm zusprechen lassen: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt“ – als ein Wort des Trostes und der Ermutigung inmitten der Passionszeit und im Blick auf Karfreitag, auf den wir als Gemeinschaft der Glaubenden zugehen.

 

Es kann uns aber auch ein Wort des Trostes werden in Zeiten persönlicher Krisen, in denen Gott so unendlich weit weg zu sein scheint – in denen wir uns wie abgetrennt vom Weinstock fühlen. Denn auch in der Weinstockrede geht allen Aufforderungen eine Zusage Christi voraus. Christus hat uns zuerst geliebt. Er hat uns zuerst erwählt (V.16). Er nennt uns Freunde (V.15). Das ist die bleibende Wirklichkeit, auch wenn unser Gefühl uns etwas Anderes sagt. Gefühle können täuschen und deswegen sind wir eingeladen, in Jesus zu bleiben, durch Gebet (V.7), durch Festhalten an seinem Wort und den Geboten (V.7.10), und besonders durch die Liebe zueinander (V.1213). Er lädt dazu ein, nicht damit wir, sondern weil wir durch all dies Frucht bringen. Denn die Bitte zu Gott – gerade auch die klagende und flehende Bitte oder die Fürbitte durch Glaubensgeschwister –, oder das verzweifelte Suchen nach einer Ansprache Gottes in seinem Wort – das ist Bleiben in seiner Liebe. Manchmal ist es ein Festhalten an der Liebe Gottes gegen das eigene Gefühl bis die ewig gültige Zusage Jesu wieder das eigene Herz erreicht: „Wie mich der Vater liebt, so liebe ich Dich!“

 

Christian Wehde

Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Neues Testament an der

 

Theologischen Hochschule Elstal 

Gedanken zum Thema Daheim. Aus dem Februar-Gemeindebrief.

Daheim!

„Dahoim isch’s am Scheenste!“ (Übersetzung für Nicht-Schwaben: „Zuhause ist es am Schönsten!“)  sagt mein Mann jedes Mal, wenn wir von irgendwoher wieder nach Hause kommen. Meistens gibt es dann erst einmal einen Tee oder einen Wein, und man nimmt sich einen Moment Zeit, um innerlich wieder anzukommen und sich am Zuhause zu erfreuen. Und erst dann werden die Taschen ausgepackt, die Mails gesichtet, die Post sortiert. In den letzten Wochen wurde ich immer wieder auf das Thema Heimat aufmerksam. Es begegnete in verschiedenster Weise.

In der Adventszeit hatten wir einen Gottesdienst mit den iranischen Geschwistern aus der Gemeinde Varel. Sie berichteten, wie sie in Jesus eine so große wichtige inneren Heimat gefunden haben, dass sie dafür sogar ihr Land, ihre äußere Heimat aufgaben. Dann feierten wir Weihnachten. An Heiligabend brachte uns die Weihnachtsgeschichte nach Matthäus nahe, dass auch Jesus als Baby in eine Flucht- und Verfolgungssituation hineingeboren wurde. Und er, der Mensch gewordenen Gott, ist dadurch in der Lage, für jeden von uns Menschen Heimat zu sein. Im Hebräerbrief heißt es: „Es ist noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes!“

Ein Onkel starb zwei Tage vor Weihnachten. Er ging heim zu seinem himmlischen Vater. Ich selber fuhr zu dieser Beerdigung in die alte Heimat. Und ich traf dort Familie. Und nach Weihnachten feierte meine jüngste Tochter ihre Verlobung in Berlin. Aus Nord und Süd, Ost und West kamen die erwachsenen Geschwister und Eltern des Paares dort zusammen, um sich kennenzulernen. Äußere Heimat? Die löst sich gerade auf. Aber eine neue, beständigere Heimat durch treue, liebevolle Beziehungen entwickelt sich.

Die Allianzgebetswoche stand in diesem Jahr unter dem Motto „Willkommen zu Hause“. Sie ging den Weg der beiden verlorenen Söhne nach (Lk 15). Der Vater im Himmel, unser Gott, erwartet beide mit offenen Armen und offenem, liebenden Herzen zurück.

Beim nächsten Frühstückstreffen am Dienstag, 9. Februar wird Pastorin Anja Bär aus Bremen zum Thema Heimat sprechen. Und zuletzt und zuerst: Besucher unserer Gemeinde wie auch langjährige Mitglieder sagen als eines der wichtigsten Dinge, warum sie sich zur Kreuzkirche halten: In dieser Gemeinde bin ich zuhause. Ich fühle mich geborgen.  Hier bin ich willkommen.   

 

Der Monatsspruch für den Februar lautet: „Wenn ihr beten wollt, und ihr habt einem anderen etwas vorzuwerfen, dann vergebt ihm, damit auch euer Vater im Himmel euch eure Verfehlungen vergebt.“ Ein wichtiges grundlegendes Element der guten Atmosphäre zuhause ist: Jeder ist willkommen. Bei jedem. Wie kann das gehen? Indem wir Jesu Wort ernst nehmen und jedem vergeben, der in welcher Weise auch immer an mir schuldig geworden ist. Warum? Damit der andere ein Zuhause behält. Damit ich selber mich weiterhin samt diesem anderen zuhause wohl fühle. Damit Gott geehrt wird. Denn er hat mich zuerst geliebt, hat mir so viel vergeben. Und so ist es mir geboten, auch dem anderen zu vergeben.

 

In diesem Sinne: Willkommen in der Kreuzgemeinde!

 

Herzliche Grüße, Ihre/ Eure Pastorin  Ute Eberbach 

 

 

 

Gedanken zum Monatsspruch für den Januar 2016

 

„Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“

So nachzulesen im zweiten Brief des Paulus an Timotheus (2.Tim 1,7), einen jungen Prediger und Gemeindeleiter, den Paulus mit ausgebildet hat. 

Kaum haben wir die Jahreslosung wahrgenommen, die uns Gottes liebevollen Trost verheißt, konfrontiert uns dieser Monatsspruch mit dem Wesen des Geistes Gottes, mit dem Wesen unseres Herrn. Ein Geist der Liebe, der Kraft und der Besonnenheit!  Das sind zwei ganz grundlegende Eigenschaften und zugleich Aufgaben des Heiligen Geistes: Trost und Wahrheit. Angesichts mancher Situationen hätte man schon guten Grund, den Nacken einzuziehen und ständig um den Heiligen Geist als Tröster zu bitten. Aber so einfach lässt Paulus uns nicht davonkommen. Ist in Jesus nicht das Leben, das Auferstehungsleben? Hat der Heilige Geist in Jesus nicht den Tod überwunden und ist jeder Gläubige in ihm vom Tod ins Leben hindurch gedrungen? Gott hat uns nicht den Geist der Verzagtheit gegeben, sondern der Kraft!  Nicht den Geist des sich-Versteckens, sondern der Liebe. Denn die Liebe kennt keine Angst. Nicht den Geist der Panik und Überforderung, sondern der Besonnenheit. Man sortiert und gewinnt Klarheit. Und dann tut man eins nach dem anderen. „In der Ruhe liegt die Kraft“. 

Aber will ich das überhaupt? Sehenden Auges um die Erfüllung mit dem Heiligen Geist bitten – das heißt, sehenden Auges um die Sendung in die Unvollkommenheit der Welt und die Unvollkommenheit der eigenen Gemeinde zu bitten. Das heißt aber auch, um die Erfüllung mit der Herrlichkeit Gottes und seiner Gegenwart zu bitten. Und das könnte heißen, vielleicht auch das Handeln Gottes zu erleben. Wäre das nicht alles wert?  Das ist alles wert!

Ihre/ Eure Pastorin Ute Eberbach